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Sascha Brosch (Maximilianpark Hamm GmbH) und Klaus Erich Haun

Fotografien: Klaus Füssel, Köln


Sie sehen hier Bilder aus der Ausstellung


Einführung in die Ausstellung „mit Licht gemalt“
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1. Details

Der Rorschachtest (Tintenklecks-Test) gilt als einer der bekanntesten psychologischen Tests. Eindrucksvolle kulturbedingte Unterschiede in den Testantworten sind hierbei berichtet worden: Eine dieser Untersuchungen zeigte beispielsweise, dass Angehörige von Wüstenstämmen in Marokko filigrane Einzelheiten der Kleckse viel stärker herausheben als dies für Europäer typisch ist. Samoaner andererseits geben relativ wenige Kleindetail-Antworten, dagegen aber eine große Anzahl von „Ganz-Antworten“; auch deuten sie in vergleichsweise großer Zahl die weißen Zwischenräume in den Klecksfiguren, die sie als Gegenstände und nicht als Leerstellen wahrnehmen - …

Wie nehmen aber nun Europäer die Natur wahr? - Wir kennen darüber keine bündigen Erkenntnisse außer individuellen Schilderungen, wie sie etwa bei Robert Walser über den Wald nachzulesen sind, und außer der allgemeinen Erfahrung, dass „die Naturwahrheit nicht vom ungeschulten Auge wahrgenommen werden kann“, wie es der englische Kunsthistoriker John Ruskin bereits 1834 formulierte. - Schauen wir uns die Fotografien von KE Haun an, so stellen wir fest, dass hier jemand zunächst keine Ganzantworten gibt, sondern Details abbildet, aber auch, dass sein Blick unzweideutig einem geschulten Auge entspringt.

Details also. - Doch machen wir uns (noch einmal) klar: Fotografie ist immer Ausschnitt, die Wirklichkeit in ihrer grenzenlosen Totalität bildet sie nie ab, sie ist – auch in digitalen Display-Zeiten – sucherbildabhängig. Und ihre Kunst besteht gerade darin, einen bestimmten Ausschnitt aus der Wirklichkeit herauszuschneiden, ihn in einem bestimmten Licht zu sehen, in einem besonderen, vielleicht neuen Kontext oder in einer ungewohnten Perspektive.

KE Haun folgt dieser Grundlegung konsequent, wenn er bewusst Detailaufnahmen von Knospen, Fruchtständen, Blüten, Blättern... in den Fokus nimmt. Diese Ausschnitte „schneiden eben aus“, sie begrenzen den Blick, akzentuieren, bewerten, heben hervor. Gleichzeitig lassen sie jedoch das Umgebende, das Ganze erahnen, sie deuten ein Ganzes an, das gedanklich-vorstellungskräftig ergänzt werden muss. Dennoch und deshalb bleiben Details im Vagen und Mutmaßlichen – und in der Spannung, im Geheimnisvollen.

Die Aufnahmen aus der Serie „details“ wollen das Ganze im Detail nicht sichtbar, aber erkennbar werden lassen, seine Schönheit, Form und Gestalt. Sie verlangen, dass man als Betrachter der Bilder genauer hinschaut – und anschließend dann auch als Betrachter der „Originale“ in der Natur.

Wie heißt es doch so schön in der dritten Strophe von Matthias Claudius‘ wohl berühmtestem Gedicht? - „Seht ihr den Mond dort stehen?/ Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön./ So sind wohl manche Sachen, die wir getrost verlachen,/ weil unsre Augen sie nicht sehn.“ - „Weniger sehen, aber mehr erkennen“ könnte auch die Überschrift zu KE Hauns Details sein.


2. Panoramen

Zunächst ganz anders die Panoramen, die KE Haun als zweite große Bildergruppe hier ausstellt, sind doch Panoramen Bilder, die – zumindest vorgeblich - „alles“ sichtbar machen - der Begriff leitet sich ab von altgriechisch pan„alles“, „ganz“ und horao„sehen“ - also einen Rundblick, eine Gesamtansicht ermöglichen.

Und doch haben wir es hier abermals mit Details zu tun, denn aus Einzelaufnahmen wird das fotografische Panorama zusammengesetzt. Hierfür nimmt der Fotograf zunächst „das Ganze“ in den Blick, um es dann in Abschnitte aufzuteilen, die anschließend wieder unter Entzerrung verzerrter Perspektiven zu einem Breitbild zusammengesetzt werden. So entstanden Panoramen von großer Farbgewalt, aber auch von intensiver Stille.

Was aber ist das „Ganze“ eines Panoramas? Es ist wieder mal nur ein Ausschnitt, denn rechts und links, über- und unterhalb des zusammengesetzten Bilder geht’s in Wirklichkeit ja weiter. Also auch hier nur ein Detail der großen weiten Welt, wenn auch mit deutlich erweitertem Horizont. - Wie gesagt: Eine Fotografie ist immer ein „Ausschnitt“!

Seine Bildausschnitte - gleich ob bei den details oder den Panoramen - legt er dabei nicht in der Nachbereitung am Rechner fest, sonden im Moment des Fotografierens selbst. Er fotografiert, wie er sieht – und Sie sehen hier, wie er fotografiert hat. Seine Fotografien sind Bilder des Moments, dieses einenMoments, der nur im Augen-Blick besteht und im nächsten, bei verändertem Licht, anderer Persepektive..., sich schon wieder anders darstellt. Die besonderen Helligkeitswerte, das Gegenlicht, die Kontraste, Farbabstufungen... geben authentisch nur den Moment wieder und sind nicht das Ergebnis des nachträglichen Einsatzes von Highlightern, Rauschfiltern, Kantenglättungen und Farbabgleichen.

Damit macht er deutlich, dass Fotografien auch immer Ausschnitte aus der Zeit sind, ausgeschnitten aus dem Kontinuum der Vergänglichkeit und festgehalten als Beleg für einen gewesenen Moment von der Dauer z.B. einer 60stel Sekunde.

KE Haun malt seine Bilder mit der Kamera, sagt er, und verweist dabei auf die etymologische Wurzel des Wortes „fotografieren“ als „photos grapheion“, Malen mit Licht. Unter Verwendung von Unschärfen, Reflexionen, ins überdimensional Große aufgeblasener Makrosichten... erzielt er bei der – wohlgemerkt! - authentischenAbbildung zuweilen Bildeindrücke, die unwirklicherscheinen, „wie gemalt“.


3. Verfremdungen

Eine dritte Gruppe von Fotografien nun dringt gezielt in die Verfremdung vor: Mittels einer modifizierten Optik fügt KE Haun dem Lichtbild bewusst Abbildungsfehler hinzu. Es kommt zu Lichtbrechungen und Unschärfen, die die floralen Bildmotive in einer entrückt, fast märchenhaften Weise erscheinen lassen. Und abermals erhebt sich hier die Frage: Was ist wirklich? Was ist authentisch? - Huch, was ist das? - Ja bitte, auch bei dieser Art von Bildern: Schauen Sie genauer hin. Die Fotografien sind geradezu eine Schule des Sehens, denn sie wenden sich gegen die Flüchtigkeit des Drüberhinweg-Sehens, gegen eine nur oberflächliche Wahrnehmung der uns umgebenden Welt – nein, stattdessen: hinschauen, hinwenden, zuwenden, in Dialog treten.

Ich wünsche Ihnen gewinnbringende Dialoge mit den details, den Panoramen, den gemalten Wirklichkeiten hier im Glaselefanten und draußen in der Natur - und hier und heute mit dem Künstler selbst.

Heinz-D.Haun